Geist und Seele
Leitsätze für ein glückliches Leben
Der folgende Text ist unter dem Namen Desiderata bekannt geworden. Als Quelle dieser Schrift wird oft die Kirche Old St. Paul´s in Baltimore genannt, wo sie als Wandinschrift aus dem Jahre 1692 gefunden worden sei. Nachforschungen haben aber ergeben, dass das nicht stimmen kann.
Desiderata muss in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von Max Ehrmann geschrieben worden sein. Dieser Sachverhalt tut dem 'Werk' aber keinen Abbruch. Es ist nicht zwingend so, dass nur geistreich sein kann, was sehr alt ist.
Man kann diesen Text durchaus als eine Art Lebensphilosophie bezeichnen. Leitsätze dieser Art können stabile Grundsteine für ein Leben in Glück und Erfüllung abseits von Habgier, Macht und Dogmatismus sein.
Wer diesen zeitlosen Lebensweisheiten dem Geiste nach folgen kann, dem bieten sie auch im Wandel der Zeiten festen Boden und eine wertvolle Stütze:

Gehe ruhig und gelassen
durch Lärm und Hast
und sei des Friedens eingedenk,
den die Stille bringen kann.
Vertrage Dich mit allen Menschen,
möglichst ohne Dich ihnen auszuliefern.
Äussere Deine Wahrheit ruhig und klar
und höre andern zu,
auch den Geistlosen und Unwissenden;
denn auch sie haben Ihre Geschichte.
Meide laute und aggressive Menschen.
Für den Geist sind sie eine Qual.
Wenn Du Dich mit andern vergleichst,
könntest Du bitter werden
und Dir nichtig vorkommen,
denn es wird immer Menschen geben,
die grösser oder geringer sind als Du.
Freue Dich Deiner Leistungen wie auch Deiner Pläne.
Bleibe weiter an Deinem eigenen Weg
interessiert, wie bescheiden er auch sei.
Im wechselnden Glück der Zeiten
ist er ein echter Besitz.
In Deinen geschäftlichen Angelegenheiten
lasse Vorsicht walten,
denn die Welt ist voller Betrug.
Doch soll das Dich nicht blind machen
für vorhandene Rechtschaffenheit.
Viele Menschen bemühen sich,
hohen Idealen zu folgen,
und überall ist das Leben voller Heldenmut.
Sei Du selbst. Vor allem heuchle nicht Zuneigung.
Und sei, was die Liebe anlangt, nicht zynisch.
Denn trotz aller Dürre und Enttäuschung
ist sie doch ewig wie das Gras.
Nimm freundlich und gelassen
den Ratschluss der Jahre an
und gib mit Würde die Dinge der Jugend auf.
Stärke die Kraft des Geistes,
damit er Dich bei unvorhergesehenem Unglück schütze.
Aber quäle Dich nicht mit Gedanken.
Viele Ängste kommen aus Ermüdung und Einsamkeit.
Neben einem gesunden Mass an Selbstdisziplin
sei gut zu Dir.
Lebe in Frieden mit Gott,
wie auch immer Du IHN verstehst.
Was auch immer Dein Mühen und Dein Sehnen ist:
Halte in der lärmenden Wirrnis des Lebens
mit Deiner Seele Frieden.
Trotz aller Falschheit, trotz aller Mühsal
und all der zerbrochenen Träume
ist es dennoch eine schöne Welt.
Sei vorsichtig. Und strebe danach, glücklich zu sein.
Die Entstehungsgeschichte der Schrift
Fälschlicherweise wird an vielen Stellen immer noch behauptet, der Text stamme aus dem Jahre 1692 und wäre als Wandinschrift in der Kirche Old St. Paul´s in Baltimore gefunden worden. Dass dies nicht die Wahrheit sein kann, zeigen zwei einleuchtende Tatsachen:
Die Gemeinde St. Paul wurde erst 1692 gegründet, und mit dem Bau einer einfachen Kirche aus Holz wurde erst im darauf folgenden Jahr begonnen.
Auch Stil und Wortwahl des Textes sagen dem Kenner englischer Literatur, dass er unmöglich aus dem siebzehnten Jahrhundert stammen kann.
Die meisten Reproduktionen geben als Herkunftsangabe "Gefunden in der Alten St. Pauls Kirche, Baltimore, 1692" an. Der Text stammt jedoch nicht aus dem siebzehnten, sondern aus dem zwanzigsten Jahrhundert. Wie genau dieser Irrtum in die Welt gesetzt wurde, lässt sich nicht mehr genau nachvollziehen, aber man nimmt an, dass es sich so zugetragen hat:
Pfarrer Frederick Ward Kates war von 1956 bis 1961 Pfarrer in der Gemeinde Old St. Paul´s in Baltimore. Er war früher bei einer Zeitung tätig, und liebte den Umgang mit Texten immer noch. Besonders gerne sammelte er inspirierende Essays, Gedichte und Zitate. Von Zeit zu Zeit, besonders zur Fastenzeit, stellte er diese gesammelten Texte in kleinen Broschüren zusammen, die er vervielfältigen und binden liess. Diese Anthologien legte er für die Besucher der Gemeinde zur kostenlosen Mitnahme auf den Kirchenbänken aus.
Wahrscheinlich im Jahre 1956 war darin auch der Text namens Desiderata enthalten. Einem Besucher der Gemeinde muss dieser Text so gut gefallen haben, dass er ihn später reproduzieren liess. Die Besonderheit liegt nun im Detail: Desiderata war offensichtlich auf die Titelseite der Broschüre gedruckt worden, denn auf dieser wurde auch immer der Name der Gemeinde und ihr Gründungsdatum angegeben, eben das bekannte «Old Saint Paul´s Church, Baltimore, 1692».
Beim Anfertigen der Kopien wurde dies nun wohl fälschlicherweise als Autorenangabe missverstanden, und dieser Fehler hat sich bis heute in der ganzen Welt verbreitet. Auch der Name Desiderata stammt nicht vom ursprünglichen Autor.
Wer aber ist der wahre Autor? Auch das konnte geklärt werden: Es ist ein früherer Rechtsanwalt aus Terre Haute, Indiana, namens Max Ehrmann. Ehrmann wurde 1872 geboren, trat 1894 in die Harvards School of Philosophy ein und studierte dort Philosophie und Recht. Er schrieb sechs Bücher innerhalb von zehn Jahren, bevor ihm klar wurde, dass er davon nicht leben konnte, und eine Laufbahn als Rechtsanwalt einschlug. Er brachte es bis zum stellvertretenden Generalstaatsanwalt, bevor er 1945 starb. Desiderata wurde erst drei Jahre nach seinem Tode veröffentlicht, und zwar in einer Anthologie seiner Gedichte, die von seiner Witwe herausgegeben wurde, und noch heute bei der Bruce Humphries Publishing Company in Boston für 4,50 Dollar erhältlich ist.
Auch die Geschichte des Copyrights an Desiderata ist fast einen eigenen Film wert: Nach dem Tode Max Ehrmanns ging das Copyright (Nr. 962402) zunächst auf seine Witwe über, die es 1954 noch einmal erneuern liess, bevor es nach ihrem Tode im Jahr 1962 auf ihren Neffen, Richmond Wright, überging. Dieser verkaufte die Veröffentlichungsrechte (nicht das Copyright) an den Bruce Humphries (an anderer Stelle auch: Crescendo-) Verlag, dessen Leiter damals Robert L. Bell war. Der Verlag litt unter starker Geldnot, und schuldete Mr. Bell 16.000 Dollar an Gehalt, was diesen in eine missliche Lage brachte, da er eine Frau und vier Söhne versorgen musste, von denen einer studierte. Er willigte ein, die Veröffentlichungsrechte an Desiderata gegen seine Schuldscheine einzutauschen. Danach kratzte er alles Geld zusammen, das er bekommen konnte, und kaufte Richmond Wright auch das Copyright an Desiderata ab.
